Schlechte Noten für die Bildung

Schlechte Noten für die Bildung

Eine Festlegung vorab: Als Pädagogen werden in dieser Schrift lediglich die sogenannten wissenschaftlichen Pädagogen an den Hochschulen verstanden. Die Lehrer im Klassenzimmer, die zwar ebenfalls oft als „Pädagogen“ bezeichnet werden, sind eben „nur“ die Praktiker vor Ort, die sich eher selten wissenschaftlich mit Bildung und Erziehung auseinandersetzen. […]

Im Zentrum der vorliegenden Kritik am Bildungswesen steht die Frage, welche gesellschaftliche Aufgabe die Schule hat und was sie leisten kann und soll. Hier ist – jenseits aller Detailfragen – eine einfache Antwort möglich:

Die Schule muss wieder zu einem verlässlichen System werden, in dem Kinder lernen und Lehrer unterrichten können. Neue, pädagogisch sinnvolle Ideen, die den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung tragen, sollen in der Schule und im täglichen Unterricht selbstverständlich aufgegriffen, kritisch geprüft und gegebenenfalls umgesetzt werden. Gesellschaftliche Entwicklungen müssen in jedem Fall auch in der Schule ihren Niederschlag finden, aber die Schule muss auch ein Ort sein, der Widerstand leistet gegenüber allzu fragwürdigen Umsteuerungsversuchen von unrealistischen Pädagogen im Verbund mit unwissenden, weil fehlinformierten Politikern. Die Schule darf nicht jeder pädagogischen Modeerscheinung anheimfallen. […]

In diesem maroden Bildungssystem kann sich nur etwas ändern, wenn die Erkenntnis, dass es marode ist, von den Verantwortlichen akzeptiert wird und diese bereit sind, das System neu zu justieren. Solange (wissenschaftliche) Pädagogen und Bildungspolitiker nicht endlich eingestehen, dass sich das deutsche Bildungssystem in den letzten 40 Jahren in eine völlig falsche Richtung entwickelt hat, solange wird sich nichts ändern. Wenn diese negativen Entwicklungen in der deutschen Bildungslandschaft so weiter gehen, ist es absehbar, dass es demnächst zum totalen Crash unseres Bildungs- und Schulsystems kommen wird – wenn dieser nicht bereits da ist. Ist es nicht bereits als Crash, als GAU (größter anzunehmender Unfall) zu bezeichnen, dass wir Schüler nach neun Jahren aus der Schule entlassen, die keinen noch so einfachen Text Sinn verstehend zu lesen in der Lage sind und die bei der Lösung einfachster Rechenaufgaben versagen. All das wurde und wird verursacht von Pädagogen und Bildungspolitikern.

Die grundsätzliche Frage lautet: Weshalb sind unsere Schulen so schlecht, dass sie – aus allen drei Schularten – Schüler entlassen, die kaum mehr die Anforderungen der „Abnehmer“ (Universitäten, andere weiterführende Bildungsgänge sowie Handwerk und Industrie) erfüllen können. Es wird berichtet, auf welche Weise unser Schulsystem in den letzten vierzig Jahren nachhaltig ruiniert wurde. Unmissverständlich wird offengelegt, weshalb Unterricht häufig so erfolglos ist. Was ist die Ursache dafür, dass so viele ungeeignete Lehrer an unseren Schulen arbeiten? […]

Nur wenn die Menschen die „Bauernfängerei“ der Pädagogen und Politiker erkennen, können sie sich erfolgreich gegen weitere unsinnige Schulreformen wehren.

Es sind nicht nur einige wenige Ausnahmeerscheinungen, die unsere Bildungslandschaft negativ prägen, wie viele Pädagogen und Politiker behaupten. Es sind flächendeckende Fehlentwicklungen, die die Masse des einstigen Volkes der Dichter und Denker in ein Volk von sprachunfähigen, inkompetenten und teilweise „völlig verblödeten“ Menschen verwandelt haben. […]

Den Höhepunkt der negativen Entwicklung hat das Pendel wohl derzeit noch nicht erreicht. Wenn Pädagogen wie Rolf Arnold[1] noch ihre Ideen zur Disziplin – als Antwort auf Bernhard Buebs Streitschrift „Lob der Disziplin“ – verbreiten und dafür auch noch Anhänger bei anderen Pädagogen finden, ist die negative Entwicklung leider noch nicht abgeschlossen. Wer ständig die deutsche Vergangenheit ins Feld führt, wie dies Arnold tut, um gegen jede Art von Disziplin in der Schule zu agitieren[2], der weiß nichts von Pädagogik und von Disziplin in ihrer eigentlichen Bedeutung noch weniger. […]

Vielleicht gibt es eine Chance, ein Umdenken bei manchen Pädagogen, Lehrern, Psychologen und nicht zuletzt Juristen und Politikern zu bewirken. Ein Umdenken, das der Schule wieder einen realistischen Platz in der Gesellschaft sichert. Ein Umdenken, das die Schule nicht mit Aufgaben „zumüllt“, die sie nicht erfüllen kann. Ein Umdenken, das – abseits aller Festtagsreden – die Lehrer nicht ständig als Volldeppen und Prügelknaben der Nation hinstellt. Ein Umdenken auch, das den Lehrern wieder Handlungsspielräume einräumt, damit sie im täglichen Kampf – und häufig ist es wirklich Kampf – im Klassenzimmer auch überleben können.

Heute ist der Lehrer ein Opfer, das wie ein zwar sehender, aber gefesselter Dompteur in einen Raubtierkäfig (womit nicht das Klassenzimmer speziell gemeint ist) gesperrt wird. Alle stehen vor dem Käfig und schimpfen auf die Unfähigkeit des Dompteurs, weil der nicht in der Lage ist, die Raubtiere (womit nicht allein die Schüler gemeint sind) zu bändigen und ihnen schöne Kunststücke beizubringen. Dass der gefesselte Dompteur am Ende gefressen wird, tut zwar allen irgendwie leid, aber schuld ist er ja schließlich selbst, denn er hätte mit der nötigen Autorität den Raubkatzen ja etwas Sinnvolles beibringen können.

Der „Tod des Dompteurs“ zeigt sich in den unsäglich vielen „Burn-outs“ und den Frühpensionierungen der Lehrer. In kaum einem Berufsstand ist die Krankenrate so hoch wie im Lehrerberuf.[3] „Mehr als die Hälfte der Lehrer leidet gesundheitlich stark unter Stress und emotionaler Beanspruchung. Viele planen deshalb, in den Vorruhestand zu gehen.“[4] […]

 


[1] Arnold, Rolf: Aberglaube Disziplin. Antworten der Pädagogik auf das „Lob der Disziplin“, Carl-Auer 2007

[2] Arnold, Rolf: Aberglaube Disziplin. Antworten der Pädagogik auf das „Lob der Disziplin“, Carl-Auer 2007, S. 15)

[3] Der Anteil der Lehrerinnen und Lehrer, die aufgrund von Dienstunfähigkeit in Pension gingen, sank im Jahr 2010 leicht auf rund 21 % (2009: 22 %). Dies entspricht dem tiefsten Stand seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 1993. Damit lag der Anteil der Dienstunfähigkeit bei Lehrkräften über dem Niveau der übrigen Beamten bei Bund, Ländern und Gemeinden, für die ebenfalls die Regelaltersgrenze 65 Jahre gilt. Das durchschnittliche Alter, mit dem Lehrerinnen und Lehrer im Jahr 2010 wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand gingen, lag bei 58,2 Jahren.

[4] http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-10/studie-ausgebranntsein-lehrer

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